„Vor jedem Spiel eine Voltaren“
Andreas Erm war „total am Ende“. Mehr als dreieinhalb Stunden hatte sich der Geher auf den Straßen von Paris gequält, im Ziel bejubelte er erschöpft die Bronzemedaille bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2003. Mehrfach hatte der Leichtathlet während seines Laufes nach Schmerzmitteln gerufen. Später erklärte Erm, dass er ohne die Medikamente niemals den Wettkampf hätte beenden können. Ein „couragiertes Rennen“ nannte es die ARD.
Diclofenac, Aspirin, Ibuprofen, Paracetamol – in vielen Sportarten greifen Athleten auf Tabletten zurück. „Aus umfangreichen Datensätzen geht hervor, dass in Stichproben einhundert Prozent der Sportler beim Gewichtheben oder in der Leichtathletik Schmerzmittel genommen haben“, erklärte Professor Mario Thevis gegenüber diesem Medium. „Es ist an der Zeit, dass Thema kritisch zu hinterfragen.“ Der Sprecher des Zentrums für präventive Dopingforschung der Deutschen Sporthochschule Köln bezeichnet den Gebrauch dieser Substanzen als „alarmierend hoch“.
80 Prozent der italienischen Profi-Fußballer gaben im vergangenen Oktober an, zum damaligen Zeitpunkt Medikamente gegen Schmerzen zu nehmen. Bei den Weltmeisterschaften 2002 und 2006 wurde bei jedem fünften Spieler vor zwei Dritteln der Partien diese Mittel festgestellt. Kurz vor seinem Karriere-Ende hatte der Handballer Stefan Kretzschmar erklärt: „Ich muss vor jedem Spiel eine Voltaren einschmeißen, um die Schmerzen im Knie auszuhalten.“
Eine Untersuchung beim Ironman-Triathlon in Neuseeland ergab, dass rund 30 Prozent aller Teilnehmer vor dem Start Tabletten genommen hatten, häufig ohne vorherige Schmerzsymptome. Die Medikamente stehen nicht auf der Liste der verbotenen Substanzen. Der Biochemiker Hans Geyer forderte deshalb bereits vor anderthalb Jahren eine ethische Debatte: „Für mich sind Schmerzmedikamente klassische Dopingmittel“, sagte der Geschäftsführer des Zentrums für Präventive Dopingforschung.
Sein Kollege Thevis sieht die Mittel in der „Grauzone des Dopings“: „Sie erfüllen einige Aspekte eines Dopingmittels, andererseits sind sie nicht als Dopingmittel deklariert. Für einen endgültigen Schluss müssen weitere Studien abgewartet werden.“ Er betont, dass andere Leistungen möglich seien als unter Schmerzbedingungen – so wie Andreas Erm. „Da frage ich natürlich schon, wo die Grenze zur Leistungssteigerung zu ziehen ist.“
(Dieser Artikel erschien in leicht in veränderter Form am 30. April in der gedruckten Ausgabe der Westfalenpost.)