Doping-Blog

Über Sport und seine Nebenwirkungen

„Es wäre naiv zu glauben, dass wir das Problem Doping eliminieren können.“

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Interview mit dem Dopingforscher Professor Dr. Mario Thevis, der bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 Dopingkontrollen analysiert.

Frage: IOC-Präsident Jacques Rogge geht von 30 bis 40 Dopingfällen bei diesen Olympischen Spielen aus. Ist dies eine realistische Einschätzung?

Mario Thevis: Ich rechne mit deutlich weniger positiven Tests. Ich nehme an, dass die Thematisierung des Problems im Vorfeld die Nationen, Sportler und Zuschauer so sensibilisiert hat, dass sich keiner die Blöße geben will, bei Olympia durch einen Dopingfall aufzufallen.

Frage: Worauf stützt sich Ihr Glaube, wenn bereits in dieser Woche immer wieder Doping-Sünder erwischt werden?

Thevis: Genau daran erkennt man, dass die Anti-Doping-Bemühungen intensiviert wurden und die Sportler, die mit Doping in Kontakt sind, vor den Spielen herausgefiltert werden. Deswegen glaube ich, dass wir in Peking weniger Fälle haben werden.

Frage: Werden nur Einzeltäter erwischt und Sportler mit einem „intelligenten System“ im Hintergrund bleiben, wie in den Fällen Balco oder Fuentes, unentdeckt?

Thevis: Es gibt weltweit schon ein Ungleichgewicht: Einige Nationen testen sehr gut, intensiv und intelligent, während dies in anderen Nationen nicht der Fall ist. Man kann davon ausgehen, dass es gerade in der vorolympischen Zeit sehr große Unterschiede bei den Testfrequenzen und Testqualitäten gibt. Das wird sich dann womöglich auch auf die Leistungsprofile bei den Olympischen Spielen auswirken. Belegen lässt sich das natürlich nur, wenn man Analysen durchführen kann. Insofern lässt sich eine Einschätzung über solche Doping-Systeme nur sehr schwer geben.

Frage: China brüstet sich mit 10000 Trainingskontrollen. Nicht gerade eine beeindruckende Quote bei rund 30000 Spitzensportlern…

Thevis: Das ist richtig. Auf der einen Seite ist es positiv zu bemerken, dass die Gesamtzahl der Proben in China stark gestiegen ist. Dies relativiert sich jedoch vor dem Hintergrund der Kaderstärke. Dabei fehlt es auch noch an der Transparenz, wie sich die 10000 Kontrollen auf 30000 Sportler verteilen. In Deutschland gibt es eine ähnliche Zahl von Kontrollen, jedoch für viel weniger Athleten.

Frage: Wenn man bedenkt, dass eine EPO-Kur circa acht bis 12 Wochen vor dem Wettkampf am wirkungsvollsten ist – wie sind dann die Tests bei den Olympischen Spielen noch zu bewerten?

Thevis: Es ist wichtig zwischen Kontrollen vor Olympia und während der Spiele zu differenzieren. Es macht absolut Sinn, während und auch zwischen der Wettkämpfe intensiv zu testen. Es gibt zahlreiche Präparate, die nur kurzfristig nachweisbar sind und einen großen Vorteil bringen. Das hat im Grunde nichts mit den Tests auf nationaler Ebene zu tun.

Frage: Was wird Ihre Aufgabe bei Olympia sein?

Thevis: Ich werde bei allen Kontrollen im Bereich der Massenspektrometrie aktiv sein. Wir sind ein Team von etwa 180 Leuten. Die Analysen werden auf 500 verbotene Substanzen ausgerichtet sein, die in verschiedene Klassifizierungen eingeteilt sind. Beispielsweise untersucht jeweils eine Gruppe auf Epo, Wachstumshormone oder Blutdoping. Die Massenspektrometrie deckt so ziemlich alle klassischen Dopingsubstanzen wie anabole Steroide oder Stimulanzien ab. Ich bin einer der auswärtigen Experten und werde alle Analysen in diesem Bereich auswerten und entsprechend Konsequenzen einleiten.

Frage: Können die Tests manipuliert werden?

Thevis: Ich war bereits in Athen und Turin dabei – die Probe ist anonym und lässt sich im Labor verfolgen. Wenn manipuliert wird, kann es nur passieren, bevor die Probe das Labor erreicht.

Frage: Wird jede Probe auf alle Substanzen untersucht?

Thevis: Es wird auf jeden Fall nach Sportarten differenziert. Beispielsweise werden Schützen nicht auf EPO getestet, während im Radsport Betablocker oder Beruhigungsmittel unerheblich sind.

Frage: Gibt es Risiko-Sportarten, bei denen verstärkt getestet wird?

Thevis: Ich gehe davon aus, dass bei den Wettkämpfen jeweils die ersten Vier oder Fünf getestet und weitere Sportler aus dem Feld ausgelost werden. Wenn es jedoch Verdachtsmomente gibt, werden auch Zielkontrollen durchgeführt.

Frage: Bei der Tour de France wurden drei Fahrer positiv auf das Epo-Mittel Cera getestet. Vor einem Jahr wurde das Medikament von der EU zugelassen, seit 2004 wird über Cera berichtet. Kann man sich bei jedem neuen Mittel ein Jahr lang sicher sein, nicht erwischt zu werden und wie lässt sich diese Lücke schließen?

Thevis: Im Fall Cera war die Firma Roche sehr kooperativ und hat uns bereits in der Entwicklungsphase das Präparat zur Verfügung gestellt, damit wir Nachweismöglichkeiten entwickeln können.

Frage: Ist dies üblich?

Thevis: Es passiert sehr selten, dass pharmazeutische Unternehmen Bereitschaft zeigen, den Anti-Doping-Kampf zu unterstützen. So entstehen diese Lücken. Wir müssen das Präparat in der Apotheke kaufen und dann einen Test entwickeln. Das gibt den Sportlern Zeit, um Medikamente zu missbrauchen. Bei zahlreichen Medikamenten, die in den nächsten Jahren auf den Markt kommen, haben wir allerdings bereits Nachweisverfahren entwickelt, so dass die Lücke bei vielen Substanzen nicht mehr vorhanden sein wird.

Frage: Wäre damit jede Substanz erfasst?

Thevis: Wir können es nicht für alle Mittel garantieren. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Substanzen noch während klinischer Studien missbraucht wurden. Dann kann es passieren, dass wir immer noch einen Monat oder ein Jahr hinterher hinken. Wir sind uns des Problems bewusst, werden die Lücke aber nie ganz schließen können.

Frage: Es wird also immer ein Schlupfloch für Doping geben?

Thevis: Es wäre naiv zu glauben, dass wir das Problem Doping eliminieren können.

Frage: Bei Olympia 2004 wurde das erste Mal auf Wachstumshormone getestet. Welche neuen Methoden sind in diesem Jahr geplant?

Thevis: Es sieht so aus, als würde das erste Mal auf Insulin getestet. Es gibt ebenfalls einen neuen Wachstumshormon-Test, mit dem umfangreicher und schneller getestet werden kann. Ob noch weitere neue Verfahren angewandt werden, lässt sich nicht sagen. Diese Strategie verwendet das IOC schon seit Jahren, um die Sportler im Unklaren zu lassen.

Frage: In Ihrem Kölner Labor wurde der Insulin-Nachweis entwickelt. Was macht Sie sicher, dass auf Insulin getestet wird? Wie ist der Stand in den Gesprächen mit der Welt-Doping-Agentur WADA?

Thevis: Zurzeit gibt es keine Gespräche mit der WADA. Das Labor in Peking hat vor einigen Monaten bei uns angefragt, welches Zubehör, welche Techniken man für den Insulin-Test benötigt. Das ist für mich ein Signal, dass die Tests durchgeführt werden. Inzwischen hat die WADA auch den Test anerkannt. Alle Zeichen sprechen dafür, dass auf Insulin getestet wird.

Frage: Wann wird die Forschung einen Nachweis für Gendoping entwickelt haben?

Thevis: Es gibt auf internationaler Front in Amerika, Frankreich oder Deutschland zahlreiche Strategien, die den Missbrauch von Gen-Therapie nachweisbar machen würden. Wenn die Gen-Therapie so weit ausgereift ist, dass Sie zum umfangreichen Gendoping missbraucht werden kann, bin ich überzeugt, dass wir in der Lage sind diesen Betrug zu beweisen.

Frage: In einer ARD-Dokumentation war zu sehen, dass in China Stammzellen zum Doping erworben werden können. Gibt es bereits Gendoping?

Thevis: Die Infusion von Stammzellen, wie in der ARD zu sehen, ist noch weit von dem entfernt, was wir als Gendoping im engeren Sinne kategorisieren. Trotzdem ist es gefährlich, verwerflich und höchst risikoreich, aus Nabelschnur gewonnene Stammzellen zu infundieren. Ich kann allerdings auch nicht ausschließen, dass einzelne Sportler sich bereits solcher Techniken bedienen um Leistungsvorteile daraus zu ziehen.

Frage: Auch die Dopingkontrolle des 100 Meter-Olympiagewinners wird über Ihren Schreibtisch gehen. Werden Sie sich vor diesem Hintergrund bei einer negativen Probe ohne Hintergedanken für ihn freuen?

Thevis: Ich denke schon. Das ist der Grund, warum wir die Tests verbessert und intensiviert haben. Es geht auf der einen Seite darum, die Doper aus dem Verkehr zu ziehen. Andererseits soll den Sportlern, die negativ getestet wurden, ein Beweis an die Hand gegeben werden, da wir mit den besten Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen, getestet haben. Wenn die Analysen im Vorfeld genau so effizient waren, dann hat der Athlet ein Zeugnis, dass er mit fairen Mitteln Gold gewonnen hat.

(Das Interview erschien in leicht gekürzter Form am 4. August 2008 in der gedruckten Westfalenpost)

Geschrieben von florianluetticke

August 16, 2008 um 7:46

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